Das Fechten ...
... ist für Außenstehende wahrscheinlich die obskurste Facette der Corps. Nachfolgend einige Erläuterungen dazu:
Die heutige Praxis des studentischen Fechten ist kein wildes Hauen und Stechen, sondern unterliegt einem strengen Reglement, dem sog. "Paukcomment". Er ist das "Fechtregelwerk", auf das sich die miteinander fechtenden Corps eines Hochschulortes geeinigt haben. Der Paukcomment und die Konstitutionen der einzelnen Corps legen das fest, was nachfolgend beschrieben wird.
Das Fechten betreiben die sog. "Aktiven" eines Corps, d. h. die jungen Studenten, nicht mehr dagegen die Studenten in den höheren Semestern oder die Alten Herren.
Die Fechter, im Jargon "Paukanten" genannt, stehen sich um Armeslänge beabstandet fest gegenüber. Die Klinge wird hauptsächlich aus dem Handgelenk überhalb des Kopfes mehr oder minder quer zu ihrer Längsrichtung geführt. Stechen ist verboten und wird nicht praktiziert.
Gefochten wird in schnellen, zeitlich begrenzten "Gängen". Ein Gang hat üblicherweise fünf Hiebe pro Paukant, insgesamt also zehn, und dauert ca. zwei bis drei Sekunden.
In der Aktivzeit (als Fuchs und CB) wird das studentische Fechten ca. vier Stunden pro Woche rundum wohlverpackt mit den eigenen Corpsbrüdern geübt. Dies sind die sog. "Paukstunden" auf dem "Paukboden".
Eine "Paukstunde" auf dem "Paukboden":
Corpsbrüder üben miteinander das Fechten
Daneben werden über die Aktivzeit verteilt mehrere Mensuren oder Partien mit Angehörigen anderer Corps gefochten, wobei hier am Kopf der Schutz auf Nase, Augen und Ohren beschränkt ist.
Jeder Cisare hat fünf Mensuren zu fechten. In der Regel wird pro Semester eine Mensur gefochten. Mensuren werden von Beauftragten der einzelnen Corps, meistens der Consenior, untereinander "ausgemacht", d. h. dahingehend verabredet, daß im Hinblick auf Technik, Geschwindigkeit, Kraft und Erfahrung etwa gleich gute Fechter miteinander fechten.
Eine Mensur selbst dauert 30 Gänge á fünf Hiebe. Da ein Gang zwei bis drei Sekunden dauert, könnte rein technisch gesehen eine Partie eine Angelegenheit weniger Minuten sein. Sie dauert aber wegen des Darumherums meist ca. eine halbe Stunde.
Wenngleich der Fortgang einer Mensur von einem Unparteiischen eines dritten Corps überwacht wird, wird am Ende einer Mensur kein Gewinner festgestellt. "Gewinnen" ist nicht Ziel der Mensur. Ziel ist es, ordentlich stehenzubleiben und regelgerecht zu fechten. Auch die sog. "Schmisse" sind zumindest heutzutage nicht mehr erstrebenswertes Ergebnis einer Mensur, wenngleich sie gelegentlich vorkommen.
Objektiv gesehen ist das studentische Mensurfechten harmlos: Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dabei keine schweren Verletzungen mehr. Man möge sich überlegen, wie anders dies bei den gesellschaftlich selbstverständlich akzeptierten Tätigkeiten Ski- oder Motorradfahren ist.
Das studentische Fechten entwickelte sich aus dem anfänglichen Tragen von Waffen durch Studenten als Zeichen freier Leute weiter über wilde, später ritualisierte und reglementierte Fechtereien bis hin zum heutigen, oben beschriebenen Usus. Etwas mehr zur Entwicklung des studentischen Fechtens findest Du hier
Warum immer noch? Ein paar rationale Erklärungsversuche seien angeführt:
- Das Fechten als Filter gegen Mitläufer:
Da die Fechterei doch einiges an zeitlichem Aufwand erfordert und bei der Mensur Selbstüberwindung verlangt, ist sie ein Test auf ehrliches Engagement. All diejenigen, die eh' nur halb bei der Sache wären oder nur um eines irgendwie kalkulierten Vorteils willen Corpsmitglied würden, lassen es dann doch bleiben. - Das Fechten als Filter zugunsten unkonventioneller Charaktere:
Das Fechten ist nicht jedermanns Sache. Wenn man sich darauf einlässt, erfordert das neben Engagement auch Neugier, Unverzagtheit und "Expeditionsgeist". Solche Leute suchen wir! - Das Fechten als unbestechlich individuelles Maß:
Auf der Mensur ist jeder alleine. Mag er sonst im Corpsbetrieb noch so mitschwimmen, im Kollektiv aufgehen, sich darin verdünnen oder dahinter verstecken, auf der Mensur ist das zu Ende: Da kann nur er selbst sich noch helfen, niemand sonst. - Das Fechten und Selbsterkenntnis:
Die Mensur hat etwas Archaisches an sich, das in dieser isoliert-zugespitzten Form heute nicht oft vorkommt ... oder vielleicht doch? Sicher weniger physisch, sondern eher abstrakt-kopflastig, aber unbestritten dürfte sein, daß es insbesondere im Berufsleben durchaus Situationen gibt, in denen die Fähigkeit, auch in risikobehafteten Situationen bei aller Fairness kühlen Kopf und Nerven zu behalten und Standvermögen zu zeigen, durchaus wünschenswert und vorteilhaft ist. Die Mensur hilft, sich selbst hier einzuordnen, vielleicht sogar sich zu trainieren. Dazu kommt, daß, anders als bei anderen "Selbsterfahrungen" oder "Mutproben", zwar bei der Mensur auch eine Extremsituation durchgestanden wird. Anders als aber z.B. beim Bungee-Springen oder ähnlichem, handelt es sich um eine Situation, die man zusammen mit seinem Gegenpaukanten erlebt und durchstehen muß. Dabei muß man die strengen Regeln, die für das Fechten gelten, immer einhalten, auch auf die Gefahr hin, selbst getroffen zu werden, und man muß und kann sich darauf verlassen, daß auch der andere diese Regeln beachten wird.
Zu einigen der obigen Aspekten gibt es auch die "Ja abers", die durchaus nicht einfach weggewischt werden können. Gleichwohl: Die Summe des Obigen und eine schlecht in Worte faßbare irrationale Komponente führen dazu, daß Cisaria wie auch die übrigen Corps auch im dritten Jahrtausend aus Überzeugung das studentische Fechten pflegen.
