Geschichte der Corps
Im nachfolgenden Text soll nur ein sehr kurzer Abriß der Geschichte der Corps wiedergegeben werden. Namen und Jahreszahlen fehlen deshalb fast völlig, es werden nur pauschal Zahlen und Motive dargestellt. Es wird auch ausschließlich auf Corps abgestellt. Nicht behandelt werden Landsmannschaften, Burschenschaften, CV und KV (konfessionell ausgerichtete Verbindungen), Turnerschaften und andere Arten akademischer Verbindungen.
Bei der Betrachtung der Geschichte der Corps mag anfänglich ein Blick auf die zahlenmäßige Entwicklung der Corps hilfreich sein.
Heute existieren ca. 200 Corps im deutschsprachigen Raum. Das erste Corps, Onoldia in Erlangen, wurde im Jahr 1798 gegründet. Um 1900 herum existierten ca. 250 Corps, seitdem nimmt ihre Zahl wieder ab. Wesentliche Triebkräfte, die zur Entstehung der Corps führten, kann man also im 18. und 19. Jahrhundert vermuten.
Beide genannten Jahrhunderte sind – neben vielen anderen Facetten – auch durch einen enormen Anstieg der industriellen Produktion und des damit einhergehenden Handels bestimmt. Dadurch entstand bzw. erstarkte eine Schicht, nämlich die des Bürgertums, die sich immer stärker werdend zwischen die alten Privilegieninhaber, Adel und Klerus, und die bäuerliche Bevölkerung schob. Die Kinder dieser Leistungs- und Bildungselite bevölkerten dann auch in zunehmendem Maße die Universitäten, und wie wohl fast jede Studentengeneration hegten sie Ziele und Ideale, die über die herrschenden Verhältnisse hinausgingen. Alte Zöpfe sollten abgeschnitten werden, das Ancien Régime war der Hauptgegner, Ziel war eine konstitutionelle Staatsform. Diese Situation war eine der wesentlichen Triebkräfte zur Entstehung der Corps: Die Corps fungierten als Netzwerk der politisch progressiv und demokratisch gesonnenen Avantgarde. Eine wesentliche Triebkraft für die Entstehung der Corps war somit eine emanzipatorische.
Vor dieser emanzipatorischen Tradition stellten sich in den inneren Verfassungen der Corps durchgängig drei Strukturmerkmale ein, heute alles Selbstverständlichkeiten:
• Das Toleranzprinzip:
Corps sind unpolitisch und unkonfessionell strukturiert und stellen an ihre Mitglieder keine politischen, religiösen oder sonstwie die Geisteshaltung betreffenden Forderungen, im Gegenteil: Toleranz wird durch die Konstitutionen der Corps und auch von deren Dachverbänden ausdrücklich gefordert.
• Das Konvents- bzw. Demokratieprinzip:
Wichtige Entscheidungen werden in Konventen durch Abstimmung Aller getroffen. Repräsentanten werden in Konventen gewählt, müssen sich den Konventen gegenüber rechtfertigen und können abgewählt werden.
• Das Konstitutionsprinzip:
Die obigen Grundsätze sind nicht ungefähr irgendwie da und genauso wieder verwässerbar, sondern schwarz auf weiß in geschriebenen Konstitutionen verankert, auf die sich jedes Mitglied berufen konnte und kann.
Die obigen Strukturen waren nicht ausschließlich selbst erfunden. Inhaltliche Inspiration und eine Ahnung des Machbaren und Möglichen bezogen die Gründer der Corps und ihre frühen Mitglieder auch aus der Französischen Revolution 1789 in der "Nachbarschaft", die im Großen das vormachte, was die Corps dann im klein(er)en Rahmen übernahmen.
Einige der Corps haben auch landsmannschaftliche Wurzeln, sie sind die Nachfolger von herkunftscharakterisierten Studentenvereinigungen geworden, was man ihnen am Namen noch anmerkt (z. B. "Saxonia", „Borussia“).
Wie oben beschrieben verfaßt bildeten die Corps insbesondere im 19. Jhdt. ein für viele Studenten attraktives Gegengewicht zum tendenziell repressiven Staatswesen. Die Corps übernahmen auch das studentische Fechten einschließlich der Bestimmungsmensur als ein typisches Merkmal.
Natürlich gab es im 18. und 19. Jahrhundert auch staatspolitische Probleme – drängende sogar. Ein essentielles war das der offenen nationalen Einigung Deutschlands. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war ein kunterbunter Fleckerlteppich, der wegen seiner inneren Fadenscheinigkeit trotz seiner Größe kaum gegen die ihn umgebenden zentral organisierten Nationalstaaten ankam. Die sich daraus ergebenden Schwäche mußte Deutschland im 30-jährigen Krieg und angesichts Napoleons "Eskapaden" schmerzhaft erkennen, so daß auch das Problem der nationalen Einigung auf den Nägeln brannte. Dies ist eine Triebkraft, die zur Entstehung der eher staatspolitisch ausgerichteten Burschenschaften beitrugen. Man kann also sagen, daß Burschenschaften eher durch die außenpolitischen Problemen des 18. und 19. Jhdts. motiviert entstanden, während Corps eher angesichts der damaligen gesellschafts- und innenpolitischen Verwerfungen gegründet wurden.
Das 19. Jhdt. war die Blütezeit der Corps. Sie schossen "wie die Pilze aus dem Boden", und man kann ihre Geschichte damals als "Erfolgsstory" bezeichnen. Unschöne Entwicklungen blieben dabei nicht völlig aus: Insbesondere Ende des 19. Jhdts. waren Corps für Studierende – und dann nicht nur für die "Bürgerlichen", sondern auch für den Adel - fast zu einem akademischen "Muß" geworden. So unterschiedliche Charaktere wie Karl Marx und der spätere Kaiser Wilhelm II waren Mitglieder von Corps.
Karl Marx und Kaiser Wilhelm II, beide Corpsstudenten
Nach dem Offizier galt in Preußen und dann im Deutschen Reich der Corpsstudent als das gesellschaftliche Ideal. In das faktische Corpsleben schlichen sich so Züge von Arroganz und Dünkelhaftigkeit ein.
Um 1900 herum war der Zenit der Corps erreicht, zumindest soweit man auf ihre Anzahl schaut. Insoweit, als die Emanzipation des Bürgertums ein gutes Stück vorangekommen war, ging den Corps aber auch ein Stück ihrer Motivation und Triebkraft, ihres "Rankgitters" verloren. Corps wurden weniger ein Muß, und schließlich trug die Erfahrung des 1. Weltkrieges auch zu einer Abkühlung der überschäumenden Vereinsmeierei bei. Die liberal-tolerante Konstitutionen der Corps paßten jedoch nach wie vor auf die neue Situation. An die Stelle des „äußeren Feindes“ - die Altprivilegierten - traten jedoch in zunehmendem Maße die eigenen Unzulänglichkeiten und der innere Schweinehund, die es zu überwinden galt. Corps mußten sich zu Beginn des 20. Jhdt. kaum noch gegen äußerer Umstände stemmen. Vielmehr modifizierte sich ihre Zielsetzung hin zur Aus- und Weiterbildung ihrer Mitglieder.
Mit der unpolitischen Ausrichtung hofften die Corps anfänglich auch, dem Zugriff des nationalsozialistischen Deutschlands zu entkommen. Man hatte hier jedoch den Druck aus der Gleichschaltung unterschätzt: Tatsächlich wurde auch von den Corps ab 1934 entweder völlige Unterwerfung oder Auflösung gefordert. Eine Anpassung an den totalen Machtanspruch der NSDAP erlaubten unter formalen Gesichtspunkten die Konstitutionen der Corps jedoch nicht, und faktisch stand ihr die Geisteshaltungen der Corps-Mitglieder entgegen. Die Folge war, daß die Corps sich weigerten, dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund beizutreten und sich nach dem Führerprinzip zu organisieren, so daß spätestens 1935 alle Corps suspendiert waren, d. h. ihren organisatorischen wie gesellschaftlichen Betrieb eingestellt hatten.
Zur Vermögenswahrung – fast alle Corps besaßen ein Corpshaus als Eigentum – und zur Aufrechterhaltung eines rudimentären Kontakts unter den Corpsbrüdern wurden häufig Nachfolgeorganisationen gegründet, sog. Kameradschaften, die den Forderungen der Gleichschaltung genügten und von der NSDAP geduldet wurden. Ein witzig-freches Corpsleben wie früher war damit jedoch nicht mehr möglich, eher kann man die Kameradschaften als "Winterschlaf der Corps" betrachten. In ihren Aktivitäten untereinander wichen die Corpsstudenten ins Private oder in halb- oder illegale Zusammenkünfte im früheren Rahmen aus, insbesondere zum Ende des Krieges.
Sympathisanten der Nazis waren die Corps als Organisationen sicher nicht, ihr ganzer Aufbau und ihre Inhalte sowie das Corpsleben wiesen genau entgegengesetzt zu dem, was der Faschismus wollte und forderte. Helden gegen den Nationalsozialismus waren die Corps und ihre Mitglieder aber auch nicht immer. Bis zum Verbot 1935 haben manche Corps als Organisation während der Laviererei mit dem NS-Studentenbund ihre jüdischen Corpsbrüdern nicht so unterstützt wie liberale Ideale dies hätten erwarten lassen. Andererseits erfuhren bedrängte jüdische Corpsbrüder durch Corpsbrüder auf privater Ebene Unterstützung, soweit das eben ging.
Nach dem Krieg rekonstituierten die meisten Corps sich wieder, das heißt, sie nahmen das Corpsleben wieder wie in der Zeit vor 1935 auf. In vielen Fällen war das Vermögen verloren gegangen, faktisch durch zerstörte Gebäude, rechtlich auch häufig durch Verlust der Grundstücke. Der materielle wie personelle Verlust führte dazu, daß in vielen Fällen nach dem Krieg deutlich kleinere Brötchen gebacken wurden als vor dem Krieg. Aber nach wie vor trägt das Rückgrat, nämlich eine auf Toleranz, Anstand und Ehrgefühl fußende Gesamtkonstitution der Corps, so daß sie sich trotz aller Schwierigkeiten letztendlich mit den Idealen und Inhalten behaupten können, mit denen sie im 19. Jahrhundert angetreten sind.
